Weniger Empörung, bitte!

Rob Lowe in dem Film Masquerade

Es gibt einen Film aus den späten 1980ern, „Masquerade“ heißt er, Rob Lowe spielt darin einen attraktiven Heiratsschwindler. Die reiche Tochter aus gutem Hause wird schwach, natürlich, genau so war es ja geplant. Als Zuschauer mag man gar nicht glauben, dass dieser Charmebolzen böse sein kann. Kann er aber, es geht ihm tatsächlich nur ums Geld. Dann jedoch passiert, was jeder sich wünscht: Der Schwindler verliebt sich in die Reiche, ringt mit sich und seinem Plan. Leider zu spät. Es ist dieser Widerspruch, der den Zuschauer so bewegt, denn genau so tickt der Mensch, niemand ist nur gut, nur böse. Die meisten sind aber, thanks God, stark genug, sich immer richtig zu entscheiden, das Gute, die Liebe zu leben. Als ich heute Morgen las, dass ein Staatsanwalt bei einem Prozeß, in dem es um zwei Kindermorde geht, den Angeklagten (wenn auch indirekt) als „Bestie in Menschengestalt“ (Link zum SPIEGEL-Artikel) bezeichnet hat, musste ich an "Masquerade" denken. Sollte die Sprache der Unterhaltung, die Empörung nun auch vor Gericht Verwendung finden? Meine Meinung dazu: 

Eine Verteidigung von derart schlimmen Taten ist aufreibend. Zwangsläufig taucht man ein in das Leben des Angeklagten, versteht dann oft leider, weshalb es eine so tragische Entwicklung genommen hat. Silvio S., als Kind ein Einzelgänger, zu langsam lebend, um die Ansprüche der rasenden Welt zu erfüllen. Der Vater dominant, kontrollierend. Der Sohn wird, auch das interessant, kein Pädophiler. Er vergreift sich letztlich an Kindern, weil sie ihm ähnlich sind, sie ihm zuhören. Befassen wir uns also mit der Lebensgeschichte eines Täters, kommt unweigerlich so etwas wie Verständnis für deren Tragik auf. Das ist auch in Ordnung, Silvio S. bleibt ein Mensch mit Gefühlen und Rechten. Leider war er jedoch zu schwach, das Böse in sich zu beherrschen, das Leben zweier unschuldiger Kinder löschte er deshalb aus, andere Kinder brauchen nun Schutz vor ihm. Andere Eltern ebenso. Und er vor sich selbst. „Eine Bestie“, zu dieser Aussage lies sich immerhin ein amtierender Staatsanwalt hinreißen, ist er aber nicht, und solche Bezeichnungen haben vor Gericht auch nichts, aber auch gar nichts verloren. Sie wiegeln auf, ja verändern unsere Gesellschaft. Diese zweifelhafte Aufgabe übernimmt das Internet und so manche Partei derzeit schon zur Genüge. Ich prophezeie: Die immer höher und schneller schwappenden Empörungswellen, die uns alle müde machen, werden nicht weniger, sondern mehr Gewalt an die Oberfläche spülen, durch sie wird es nicht weniger, sondern mehr Gewalttäter geben. Das Einzige, was dagegen wirklich hilft, es ist in diesen Tagen schwer vermittelbar: Dem Bösen kraftvoll und mit tiefer Überzeugung Besonnenheit entgegen stellen. Wahre Stärke zeigen, jeden Tag. Wir tun das, hier wie vor Gericht. Und dabei bleiben wir auch. 

Einen recht besonnenen Tag uns allen! 

(Bild: PR "Masquerade", moviestore.com)